Flug der Friedenstaube

Über den Versuch, meiner Tochter den Flug der Friedenstaube zu erklären

Ich habe, nachdem unser Gespräch über den Frieden ein geflügeltes Wort nach dem anderen angelockt hatte, meiner Tochter versucht zu erklären, was eine Friedenstaube ist: Eine Friedenstaube ist, erklärte ich ihr, ein Vogel, der für gewöhnlich ein schneeweißes Gefieder hat, das für Unschuld stehe. Die Unschuld sei so etwas wie ein noch ziemlich sauberes Lätzchen, also so ganz ohne Möhren- oder Schokopuddingflecken. Die Taube sei ein Symbol, ein Zeichen für etwas ungemein Friedfertiges, der Vogel stehe sozusagen für den Frieden unter den Menschen, also auch für die vielen Freundschaften zwischen den Menschen über sämtliche Landesgrenzen hinweg, was bedeutet, dass die Taube eine ziemlich schwere Bürde trage, was ihren Flug sicherlich nicht leichter mache. Wo nämlich kein Frieden herrsche, erklärte ich meiner Tochter, dort können auch die Menschen, wenn überhaupt, nur unter erschwerten Bedingungen Freundschaften schließen. Dies erst recht, wenn sie, was gegenwärtig leider der Fall ist, in Ländern wie Russland oder der Ukraine lebten, die sich nicht mehr so gut verstehen würden, weil das viel größere Land die Freundschaft mit dem deutlich kleineren aufgekündigt und es überfallen hat, was eine ziemlich gemeine Sache ist. Ich habe ihr auch in ein, zwei Sätzen vom jüngsten Konflikt im Nahen Osten erzählt, davon, dass die Menschen, die diese leidgeprüfte Region bewohnen, sich mehr denn je nach dem Frieden sehnen würden und dass die Friedenstaube hier ihren Ursprung habe, dass ihr erster Taubenschlag hier angesiedelt sei und sie eigentlich gerne einmal dorthin zurückkehren würde – also so in etwa habe ich versucht, ihr zu erklären, was eine Friedenstaube ist (ich glaube, es waren auch andere Worte darunter, die mir leider wieder entfallen sind. Es waren sicherlich geflügelte, denn kaum, dass ich sie ausgesprochen hatte, hatten sie sich auf und davongemacht). Jedenfalls habe ich der Kleinen auch das Gegenbild gezeichnet, dass heißt, ich habe ihr von den Falken erzählt. Ich habe ihr erzählt, dass die Greifvögel in einer erbitterten Gegnerschaft zur Friedenstaube stünden. Und dass die Falken die Taube daran hindern würden, einmal um die Erde zu fliegen, was zugegebenermaßen gar nicht so schwer ist, schließlich ist die Erde rund wie ein Ball. Die Taube müsse nur immerzu geradeaus fliegen, sie könne sich im Grunde gar nicht verfliegen, irgendwann habe sie durch ihre bloße Anwesenheit allen Menschen die Schönheit des Lebens, für dessen Unversehrtheit der Vogel vor allen Dingen steht, vor Augen geführt, so dass zahlreiche Freundschaften zwischen ihnen entstehen und zwar, wie gesagt, über sämtliche Landesgrenzen hinweg.

Ich habe der Kleinen allerdings auch erklärt, dass die Greifvögel die Taube durch ihre schiere Präsenz immerzu in Angst und Schrecken versetzen würden. Ihre Verunsicherung gehe so weit, dass die Taube sich nicht einmal mehr traue, ihre Schwingen auszubreiten, geschweige denn, sich aufzuschwingen und zu fliegen, wohin sie möchte, meinetwegen nach Kapstadt oder nach Helgoland oder von mir aus bis zum Nordpol, wo sie sich zugegebenermaßen ein ziemlich dickes Fell zulegen müsste. Die Gegnerschaft der Falken liege sicher an der Unschuld der Taube, dass heißt an ihrem schneeweißen Gefieder. Ihre Schönheit wecke geradezu die Begehrlichkeiten der Greifvögel, die sich beim Anblick der Taube zwangsläufig ihrer eigenen Schuld bewusst werden würden – der Blick auf ihre blutigen Fänge lasse gar keinen anderen Schluss zu! – was dazu führe, dass die Falken den Himmel pausenlos nach dem Friedensboten absuchen würden, glücklicherweise ist er ihnen bisher nicht in die Fänge geraten. Zieht man das ungleiche Machtverhältnis zwischen den Falken und der Taube in Betracht, so wird letztlich alles beim Alten bleiben, was ein recht pessimistischer, aber doch realistischer Blick in die Zukunft ist. Ich wollte der Kleinen damit lediglich vor Augen führen, dass es mit der Welt, in der wir leben, alles andere als gut steht: Die gegenwärtigen Kriege, die häufig aus geostrategischen Interessen geführt werden, die vielen Toten, Verletzten und Traumatisierten und die enorme Anzahl an Geflüchteten, die zunehmende Armut breiter Bevölkerungsschichten selbst in den reichsten Ländern dieser Welt, der aufkommende Populismus und die Schwächung der Demokratien, vor allem der Klimawandel mache der Welt und den Menschen darin zusehends zu schaffen (ich habe der Kleinen lediglich den Klimawandel vor Augen geführt, während ich mir den Rest, der selbst hartgesottene Erwachsene zu schaffen macht, bloß gedacht habe). Irgendwann werde uns allen, sollten wir so weiter machen, wie bisher, die Puste ausgehen oder das Wasser bis zum Hals stehen – oder alles auf einmal.

Die Falken hätten, so lautete mein Fazit, nach wie vor leichtes Spiel mit der Taube, sie würden ihr auch künftig den Horizont streitig machen. Doch irgendwann würde auch den schnellsten Falken die Puste ausgehen, dies sei nur eine Frage der Zeit. Die Greifvögel müssten anschließend ihre Manöver unterbrechen und auf einem Ast notlanden, meinetwegen irgendwo vor Moskau, Washington oder Peking und dann, ja, dann stünde dem Flug der Friedenstaube rund um den Erdball nichts mehr im Weg.

Jedenfalls haben wir uns ans Fenster gestellt, die Kleine und ich; sie stand auf der Fensterbank und ich neben ihr und wir haben Ausschau gehalten nach der Friedenstaube. Und tatsächlich, wir hatten Glück! Dass heißt, wir haben zunächst einige Krähen dabei beobachtet, wie sie die Gegend unsicher machten. Danach haben wir zwei Falken gesehen, dass heißt, wir haben bloß gehört, wie zwei riesige Greifvögel, die stählerne Fänge unter ihren Gefiedern bargen, nacheinander am Himmel entlang donnerten. Wir hatten die Hoffnung bereits aufgegeben und am Himmel zogen auch schon dunkle Wolken auf, da sahen wir mit einem Mal eine Taube auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses sitzen, ganz in weiß, eine echte Friedenstaube! Wir konnten unser Glück kaum glauben. Wenn nicht wir an den Frieden glauben, so dachte ich in diesem Moment, wer sonst sollte dies tun in Zeiten des Krieges? Etwa die Krähen dort draußen? Oder vielleicht die Falken über uns?

Die Taube auf dem Dach jedenfalls flog plötzlich auf und davon, irgendetwas hatte sie aufgescheucht. Die Kleine und ich, wir haben ihr viel Glück gewünscht (lieber eine Friedenstaube auf dem Dach als ein Spatz in der Hand!). Meine Tochter breitete kurz darauf ihre Arme aus und sah mich mit großen, erwartungsvollen Augen an. „Papa, fängst du mich auf?“ – noch bevor ich realisieren konnte, sprang sie von der Fensterbank, sicher in meine Arme.

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